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Uli John - vom Pfadfinder zum Rockpionier

Uli und die Pfadfinder

Anfang der 50er Jahre ist Uli John, auszubildender Chemiegraph, noch engagiertes „Deutsche Freischar“ Mitglied, denkt weniger an Politik als daran, wie er seinen Bruder Burghardt dazu bringen kann, ihm ein paar von den Griffen auf der Gitarre zu zeigen, die ihn der favorisierten Country und Western Musik aus Amiland ein gutes Stück näher bringen. Und wieder ist es der in Bremerhaven stationierte Soldatensender AFN, der einen fanatischen Konsumenten zum Selbermachen treibt.

Hier in der Seestadt geht all die Musik los, die irgendwann die gesamte Republik überschwemmt. Hier finden sich die ersten Interpreten, die es ihren großen Vorbildern nachmachen wollen. Wieder sind es die „Seebeck am Markt“-Wochenenden, die einmal mehr aus einem begeisterten Zuhörer mit feuchten Augen und hängendem Unterkiefer einen aktiven Künstler machen. Und urplötzlich ist Country abgehakt, Rock n Roll das einzig Wahre, Elvis Presley der absolute Held.
Uli lernt schnell aus dem, was um ihn herum passiert, sammelt Erfahrungen, und in seinem Kopf wird der Gedanke an eine eigene Band immer konkreter. Aber noch ist es nicht so weit, noch will er lernen. Dabei unterstützt ihn ein weiterer „Großer“ auf der Gitarre, Johnny Grünholz. Allerdings ist ein eigenes Instrument unerschwinglich, und die „Hoyer“ eines Freundes wird zu seiner unzertrennlichen Partnerin. Uli bringt sich die ersten Akkorde selbst bei, lernt den Ausnahme-Gitarristen Rudi Ruser an einem Tanzabend bei „Seebeck“ kennen, bekommt von dem schon die ersten Feinheiten gezeigt.
Es dauert nur einen sauberen E-Dur Akkord, da wird Uli zu den immer populärer werdenden Jam Sessions auf die Bühne gebeten, singt seinen „Elvis“ auf den Punkt und erntet seinen ersten frenetischen Beifall. Er ist drin. Neben ihm steht Manni Müller, Arbeitskollege auf der Seebeck Werft, dem er in der Pinkelpause Notenlinien und Punkte auf die staubige Toilettenfensterscheibe malt. Musik verbindet.
Immerhin, seine Freunde sagen von ihm, dass er das Zeugs hat, eine Band zu führen. Mit seiner Art, Witze und Geschichten zu erzählen, ist er überall gern gesehen und beliebter Mittelpunkt, ohne dass er sich selbst dazu macht. Ein echter Kumpel-Typ, eine starke Stimme, eine mitreißende Show. Irgendwann ist es dann endlich so weit. Er versammelt die Jungs um sich, von denen er glaubt, sie hätten ähnliche musikalische Interessen wie er selbst, inklusive des unbändigen Willens, auf anderen Bühnen zu spielen als nur der heimischen.

Uli und B. Zamulo

Anfang der 60er bietet sich dem Bremerhavener dann eine ganz andere Möglichkeit, in das aufregende Musik Business einzusteigen. Sein alter Freund Manni Müller fragt ihn: “Willst du in´s Fernsehen?“, und Uli übernimmt John Ready´s Platz bei den „Nordwinds“, der in seine Heimat, die USA zurückkehren muss.
Aus Uli John wird John Ulrik (wahrscheinlich weil alles amerikanisch klingen soll, der internationale Erfolg möglicherweise so greifbarer scheint), aus Manni Müller wird Fred Sorell, und die AFN Amerikaner Ron Jenkins und Dave Lee heißen weiterhin so. Andererseits ist gerade diese Kombination, dass zwei Amerikaner mit zwei Deutschen musizieren, das Besondere an der Besetzung, stößt auf großes Interesse und erntet von Herzen kommenden Beifall. So wird der bereits bundesweit bekannte und populäre Songtexter Hans Hee auf die Bremerhavener aufmerksam und es entstehen diverse Singles, später ein erstes Album (CD: „Du gehörst auf´s Titelbild“).
Und es gibt tatsächlich Fernsehen, wie Freund Manni versprochen hatte, und das nicht zu knapp. Darunter auch der wohl wichtigste Auftritt bei Peter Frankenfeld in der Sendung „toi toi toi“.
Uli John wird zum gefragten Studiomusiker bei Aufnahmen für Billy Mo, Will Glahé, Camillo Felgen, Ladi Geissler und anderen damaligen Stars der Republik. Er genießt aber nicht nur den Ruhm, der da plötzlich von mehreren Seiten auf ihn wirkt, Uli äußert sich auch kritisch, ist selten zufrieden mit den Arbeiten im Studio:“ Vieles hätte besser gemacht werden können“, und auch mit den deutschen Texten kann er sich als Freund der amerikanischen Musik nicht so recht anfreunden.

Von nun an liest sich diese Geschichte ein bisschen wie die seines engsten Freundes Heiner König, den er 1958 in der Straßenbahn kennen lernt, weil der ihn auf seine amerikanische Wendejacke aus Seide mit gesticktem Tigerkopf anspricht. Beide stellen fest, dass sie gemeinsame musikalische Interessen haben, untermauert durch ihren Hang zur „Hottentotten Musik“, wie ihre Eltern diese Musik noch nennen. Sie treffen sich jetzt häufiger, und am liebsten mit ihren Wandergitarren im Wartesaal des Bahnhofs im Fischereihafen, weil da die Akustik so toll ist.
Auch Künstler-Entdecker und Manager Klaus Lukas, immer mit der musikalischen Nase im Aufwind der nordischen Rock und Beat-Szene, wird auf ihn aufmerksam, setzt ihn bei den legendären, aus Cuxhaven stammenden „Rhythm Brothers“ ein.

Die BLACK STARS

Uli hebt die „Black Stars“ zusammen mit Heiner König (Bass), Manner Bönig (Schlagzeug), Eugen Böhm (Rhythmus Gitarre) und Jimmy Martens (Tasten) aus der Taufe. Als ein Jahr später der Hamburger „Star Club“ einen Bandaustausch mit „Seebeck am Markt“ startet, bekommen die Bremerhavener die Chance, in der Stadt an der Alster ihr Können unter Beweis zu stellen.

Sie lernen Ray Charles kennen, Fats Domino, "King Size Taylor", Jerry Lee Lewis und diverse andere Top Stars der damaligen Szene.

Uli mit Tony Sheridan

Unter ihnen eben auch Tony Sheridan, der ziemlich hilflos mit ansehen muss, wie aus seiner Begleitband „Beat Brothers“, mit denen er u. a. „My Bonnie“ und „Skinnie Minny“ auf Vinyl bringt, die „Beatles“ werden. Uli und Heiner holen diese Stars nach Bremerhaven und werden mit 30% am Umsatz beteiligt, Bares für die Anschaffung besserer Instrumente und Verstärker. Es geht auf Tour mit den „Lords“ und anderen Star Club Giganten.
Schnell werden Freundschaften geschlossen, und immer wieder mittendrin Uli, als genialer Geschichten- und Witzeerzähler. Genial deshalb weil er mit seinen Anekdoten alle Mitmusiker bei guter Laune hält, ihnen die teilweise anstrengenden Busfahrten versüßt. Die Black Stars werden als die deutschen „Stones“ gehandelt, kaum dass sich ihre Coverversion von „The last time“ (Ich frag dich noch einmal)in den Charts platziert hat. Es folgen Europatourneen mit den Kinks, Searchers und den Who. „Das Highlight in unserer musikalischen Laufbahn allerdings war der Auftritt im Kronebau, München, im Vorprogramm der „Beatles“.

Es läuft finanziell zwar nicht schlecht, aber so wie das Geld reinkommt geht es auch wieder raus, und wenn es dann noch am notwendigen Spaß hapert, wird es Zeit sich Gedanken zu machen, ob man sich nicht besser verabschiedet.
Uli beendet seine Karriere als Berufsmusiker. Natürlich kann er seine Finger weder von den Saiten lassen, noch dem Mikrofon fernbleiben. Er startet als Amateur noch einmal kräftig durch bei den Bremerhavener Formationen „Unit 4 + 2“ und 1972 bei „Competition“, deren Namensgeber er auch ist. Wie könnte es anders sein, mit ihm avancieren sie neben Just Us Ende der 60er zu den Top Bands in der Seestadt Szene. Als die sich in alle Windrichtungen blasen lassen, zieht er sich zurück und experimentiert am Computer, ist begeistert von den Möglichkeiten, die sich ihm hier als Ein-Mann-Orchester bieten.
Niemand redet ihm rein, er kann tun und lassen, was er für richtig hält. Ende der 80er lässt er sich noch einmal von Stephan Remmler für das „Projekt F“ (Freddy Quinn Titel im typischen Remmler Gewand) aktivieren, arrangiert Harmonie Gesänge für Manni, der ebenfalls dabei ist, und sich, geht mit auf die daraus folgende TV Tournee. Da die Scheibe aber floppt, für ihn nichts Bewegendes nachkommt, wird es noch ruhiger um den Rock Veteranen.
Zusammen mit seiner großen Liebe Imke hat er sich in das beschauliche Landleben zurückgezogen, komponiert, arrangiert, textet in seinem Kämmerlein weil ihn die Musik nicht loslässt.
Aber ab und an lässt er sich in der Bremerhavener „Szene“ wieder blicken, um zu schauen, ob alles seinen richtigen Gang geht. Dann schnappt er sich eine Sechssaitige und erinnert das staunende, raunende Publikum an die Zeiten, als alles noch besser war, Stimmen keinen Effekt brauchten und die Musik noch mit der Hand gemacht wurde.

Uli verstarb in der Nacht vom 21. auf den 22.Mai 2014.


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