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Der "King" war immer hier (Heiner König)

HEINER KÖNIG in Dorum 2003

In den 50er Jahren ist Bremerhaven noch so attraktiv für Leute aus anderen Teilen der Republik, dass sie, aus welchen Gründen auch immer, gern hierher umsiedeln. So ergeht es auch Heiner König, der mit seiner Mutter Ende der 40er von Hamburg, wo er geboren und aufgewachsen ist, in die Stadt an der Weser zieht. Eigentlich ist Heiner König also ein Hamburger Jung, und er hätte gut und gerne irgendwann als Bassist in Udo´s Panik Orchester landen können. Zu dem Zeitpunkt ist aber wohl der Wunsch, einmal auf der Bühne zu stehen, noch der Vater des Gedanken. Erst einmal muss eine Basis her, und die schafft Heiner sich mit der Lehre zum Malergesellen von 1953 bis 1956. Die Erfüllung scheint das aber nicht zu sein. Seine innere Unruhe treibt ihn zur Seefahrt, und so fährt er beim „Lloyd“ an Deck, später als Leichtmatrose bei einer schwedischen Tanker Reederei. Obwohl er in jungen Jahren mehr von der großen Welt sieht als manch anderer in seinem Alter, entschließt er sich nach wenigen Jahren wieder für festen Boden unter den Füßen. Immerhin, er hat einiges erlebt, das er erzählen kann, und genau das ist auch heute noch seine Passion. Witzig und spannend fesselt er mit „erlebten“ Stories seine Zuhörer. Wo kann man aber am besten erzählen, wo hören einem die meisten Leute zu, auch wenn es die Geschichten anderer sind? Genau, auf den Brettern, die für viele die Welt bedeuten, und dann eben als Musiker.

Die meisten Jugendlichen in seinem Alter schalten mit Vorliebe auf die Frequenz des amerikanischen Soldatensenders AFN hier in Bremerhaven. Rock n´ Roll, R.&B. und Country & Western von morgens bis abends, von Elvis über Muddy Waters zur Grand Ol´ Opry. Heiner entscheidet sich für Rock n´ Roll und Elvis Presley, und weil er alles über diesen Helden in der Unterhaltungsbranche weiß, jede seiner Bewegungen innehat, ist es nur eine Frage der Zeit bis seine Freunde ihm den Beinamen „King“ geben.

Der „King“ fährt Straßenbahn, und hier lernt er 1958 Uli John kennen. Der steht immer im hinteren Teil des Anhängers, und trägt, außer seinen schwarzen Koteletten, eine dieser angesagten Wendejacken aus Seide, auf dem Rücken einen gestickten Tigerkopf.
Irgendwann spricht Heiner ihn auf die Jacke an, und die Fahrzeit reicht gerade aus, um festzustellen, dass beide sich der Musik verschrieben haben, Uli allerdings schon aktiv als Sänger und Gitarrist in einer Band. Sie tauschen ihre Adressen aus, treffen sich jetzt häufiger, und am liebsten mit ihren Wandergitarren im Wartesaal des Bahnhofs im Fischereihafen, weil da die Akustik so toll ist. Spielen will Heiner öffentlich noch nicht, aber singen. Was liegt näher als an den Wochenenden in der Roxy Bar in der Fährstrasse mal eine Einlage bei den Indonesiern zu geben, beeindruckend seine Interpretation des Phil Phillips Songs „Sea of love“. Mit dieser gesammelten Bühnenerfahrung in den Jeanstaschen, dem Rock n´ Roll Rhythmus im Herzen unter dem Hemd, dem gelben Hawaiibinder mit der barbusigen Schönheit für jeden sichtbar, zählt Heiner schon in jungen Jahren zu den best gekleideten Männern der Stadt. Die Frisur muss liegen, der Kragen muss stehen, und so sitzt er irgendwann in Ohl´s Gasthof in Warstade und hört ganz relaxt den ersten Gehversuchen der Rhythm Brothers zu, als in einer kurzen Pause der Bassist und Manager Klaus Lukas von der Bühne trabt, auf ihn zugeht und ihm den Bass in die Hand drückt. „Übernimm, aber komm mir nicht an meinen Spiralhall!“ Damals wie heute ein geflügeltes Wort in Musikerkreisen, obwohl ein Spiralhall natürlich überhaupt nicht mehr zum aktuellen Stand der Technik zählt. Heiner hat also seinen ersten Job in einer Band, und für kurze Zeit ist er glücklich. Aber wie es nun mal in dieser Branche ist, die Band splittet. Bernd Zamulo (heute bei den Lords) übernimmt die Stelle am Bass, und Heiner gründet mit Uli John die "Black Stars".

HEINER KÖNIG 1965

Eugen Böhm, seines Zeichens Bürgermeister von Nordleda, an der Rhythmusgitarre, Manfred „Manner“ Bönig mit dem wohl exaktesten Beat in der norddeutschen Tiefebene hinter den Drums, Uli an der Sologitarre und Gesang, und Heiner am Bass und ebenfalls Gesang, das ist die Besetzung, die sich innerhalb kürzester Zeit einen Namen in ihrer Heimatstadt macht.
Das „Sanssouci“ bricht aus allen Nähten und „Seebeck am Markt“ steht Kopf wenn die Jungs ihren Rock n´ Roll brettern. Entertainment vom Feinsten, wenn auch ungewollt, wenn die 30 Watt Gibson Verstärker den Musikern hinterher hüpfen.
Und es geht steil bergan. Manfred Weißleder vom „Star-Club“ Hamburg holt die Bremerhavener auf die Reeperbahn, und wenn auch nur für eine im Zigarettendunst verschwindende Minimalgage, die Black Stars spielen bei den ganz Großen ihres Genres, wie Jerry Lee Lewis, Tony Sheridan und den Beat Brothers (später Beatles) oder Fats Domino, im Vorprogramm.
Uli und Heiner holen diese Stars nach Bremerhaven und werden mit 30% am Umsatz beteiligt, Bares für die Anschaffung besserer Instrumente und Verstärker.

Die Black Stars werden als die deutschen „Stones“ gehandelt, kaum dass sich ihre Coverversion von „The last time“ (Ich frag dich noch einmal)in den Charts platziert hat. Es folgen Europatourneen mit den Kinks, Searchers und den Who. Als Uli John aus gesundheitlichen Gründen aussteigt, verlieren die Rock n´ Roller einen wichtigen Mann auf der Bühne. Heiner bemüht sich sofort um Ersatz, und findet in Trutz Groth aus Berlin einen absoluten Spitzenmusiker.

Nach kurzer Zeit des Einspielens geht es zusammen mit Tony Sheridan in Italien auf Seebädertournee, Riviera rauf, Adria runter. In ihrer Heimat auf dem Höhepunkt ausgestiegen, in Italien erst einmal ein Jahr rumgekrebst, lernt die Band einen namhaften Produzenten kennen, der mit ihnen fünf Singles veröffentlicht, eine davon landet auf Platz 13.
Es ist die Coverversion von „Walking in the sand“ der Shangri-Las. Aber sie holen sich noch ganz andere Trophäen, z.B. die der best angezogenen ausländischen Band, und Heiner greift sich seine große Liebe Evelina Magliano ab, die er 1972 in Bremerhaven heiratet.
Italien findet Gefallen an den Black Stars, die jetzt schon eine ganze Seite in der „Amici“ (vergleichsweise wie hier die Bravo) erhalten, 1968 ein Open Air in San Remo bestreiten und auf einer Mammuttour mit den Who die Sportpaläste zum Kochen bringen.
Heiner wird immer mehr zum Mittelpunkt der Band, aber er schafft es nicht, ein Jahr später die Auflösung zu verhindern. Einmal mehr sind Aufputschtabletten und Alkohol der Grund für die Trennung der Musiker.

Derzeit ist Uli John schon lange wieder in Bremerhaven und hält ständig Kontakt zu Heiner, der unter italienischer Sonne den Grappa genießt und Amor einen guten Mann sein läßt.
Zusammen mit Charly Seifert und Hans-Dieter Franke hat Uli die Snobs gegründet, und er möchte, daß Heiner der vierte Mann wird.
1970 sondiert Heiner erst einmal das Terrain, und als Vertreter der Top Azzuro Mode bekommt er fast einen Infarkt weil ihn die Bühnengarderobe der Snobs fast erblinden lässt.
Lila Rüschenhemden, giftgrüne Schmalrevers Sakkos, dazu Uli mit Ricky Shayne´s „Ich sprenge alle Ketten“, für Heiner nicht zu fassen.
Er weiß aber auch, das kann man ändern, und so kehrt er ein Jahr später Italien für immer den Rücken zu und steigt in´s Top 40 Geschäft der Landkreis Cowboys ein.
Und wieder beginnt eine Reise durch das Nachtleben der Wochenenden. Die Snobs nennen sich jetzt Cracker Jack und zelebrieren den Pop der 70er in feinster Op-Art Minelle, dafür hat Heiner schon gesorgt.
„Es geht um das Entertainment“, sagt er und schüttelt seine Frisur, „ die Leute wollen Spaß.“
Und Spaß bekommen die 1.500 Gäste bei Klaus Roes in Lintig. Breitbeinig steht der „King“ in gelber Satinhose auf der Bühne, schnulzoliert sein „Sylvia´s Mother“, dass die weiblichen Fans in den ersten drei Reihen feuchte Augen bekommen. Sie kaufen es ihm ab, sie verehren ihn und sie lieben ihn. Und in jeder Pause muss er mit an die Bar, jeder will mit ihm einen trinken. Er ist der Star zum anfassen. Mario Bottaz auf Doppelplateau Stiefeln an der Gitarre, Hans-Dieter Franke im Minipli - Look hinter den Tasten und „Urlaubsvertretung“ George Bee an der Feuerwehrschießbude. Nicht zu schlagen, diese Combo.
Und so etwas spricht sich herum. Es folgen Plattenaufnahmen. „Susann Chérie“ landet auf Anhieb unter den Top 100 der Schweiz, und „Tambourin“ und „Sweet Strawberry Wine“ sorgen zumindest dafür, daß die Gage andere Konkurrenten vor Neid erblassen lässt.
Und immer wieder wird investiert, neue Verstärker, teure Instrumente, und vor allem aber Klamotten. Dafür initiiert Heiner sogar eine Reise nach Amsterdam.
Cracker Jack spielt mit Gary Glitter, Suzy Quattro, Mungo Jerry und Smokie, als diese noch regelmäßig ihre Hits bei den Firmen abliefern.
Die Band ist auf dem Höhepunkt als George Bee 1973 aussteigt, um bei den Rattles in Hamburg sein Glück mit eigenen Titeln zu versuchen, und als wenig später Hansi Franke aussteigt, versucht Heiner die Neuformierung zu halten. Aber 1980 ist Schluss mit lustig.
Heiner glaubt, daß er nicht mehr die richtigen Leute um sich hat, um in gewohnter Qualität weitermachen zu können.
Qualität ist schwer zu finden, und deshalb steigt er für ein Jahr von der Bühne und arbeitet im „Kraftwerk“ für Paul Steffens und Hermann Giesche. Klar, es juckt immer wieder in den Fingern, einmal Musiker immer Musiker, und das wissen auch die Brüder Carsten und Jürgen Gronholz von „Deep Motive“, die Heiner ansprechen, um ihn für eine Gala Band mit Christian Biclea (einem in der Seestadt ansässigen rumänischen Musiklehrer) an den Keyboards zu gewinnen. Wie erwartet kann er bei der Güteklasse dieser drei Top Musiker nicht nein sagen. Ab geht ´s zu den Ricola - Alpinisten in die Schweiz, und es wird getourt von Davos bis Arosa, und immer nur in den feinsten Hotels.

"Baby Bronson" mit Lisa Johns

Nichts ist für die Ewigkeit, auch nicht in der neutralen Schwyz. Heiner kehrt zurück an die Weser und steigt bei Heiko Bräuer´s RT-Session Band ein. Leider kein finanzielles Verwöhnaroma, aber Geld braucht auch der „King“ um leben zu können. Das bieten ihm die Amerikaner in Weddewarden, die ihn von 1983 bis 1992 als Maler beschäftigen. In dieser Zeit arbeitet er vorwiegend als Sänger in überregionalen Besetzungen, u.a. den Rockets.
Noch einmal kreuzen sich die Wege von Hansi Franke und Heiner. Franke, jetzt Produzent, und Majid Katzer (ehem. 50 Tabletten) basteln an einem Projekt, in dem Heiner die Hauptrolle als „Baby Bronson“ spielen soll. Und das Ding haut rein, zumindest optisch.
Die Single „Candy Man“ wird auf einem Sampler zusammen mit den Scorpions, Zucchero, Paul Young und anderen Größen dieser Branche nachweislich über 180.000 Mal verkauft.
Wiederum sind die Tantiemen, wenn man auf einem Sampler mit nur einem Titel vertreten ist, verschwindend dünn. Einen Nachfolgetitel gibt es nicht, da die Komponisten getrennte Wege gehen.
Wieder versucht Heiner sein Glück in Gala Bands, muss viel mit seinem pechschwarzen Alfa  durch den Norden der Republik reisen. Er weiß, das kann´s nicht sein, nur eine eigene Band kann ihm die Möglichkeit bieten, kreativ zu sein.
1996 gründet er die Coverband Störtebeker mit Franco Saltiani an der Gitarre und Lutz Wöhlken an den Drums. Das Trio, mit ihm selbst am Bass, besticht durch hervorragende Interpretationen der gestrigen Hits, eingepackt in eine unterhaltsame, spritzige Bühnenshow.
Heute gehört aber auch diese Band zum Gestern.

Heiner König 2006

Eine der schillerndsten Persönlichkeiten der hiesigen Rock n Roll Szene hat nun eine neue Adresse. Heiner verstarb am Dienstag, 14.10.2008 gegen 6:30 Uhr im Alter von 70 Jahren nach langer, schwerer Krankheit im Klinikum Reinkenheide. Geblieben ist die Erinnerung an ein Bremerhavener Original, einen außergewöhnlichen Herzblutmusiker, einen tollen Entertainer, der immer bestens gelaunt, wortgewandt und schlagfertig, in erster Linie aber ein prima Freund war. Und so ist er in unseren Herzen.


 


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