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Aktuelles

"Rundschnitt, Petticoats und Rock n´ Roll"

Das Team mit Harry Nestler (dritter von links) und die "Bees" und "Black Beats" im Hintergrund

Es war einer von diesen Donnerstagen im „Sanssouci“, die den Gastwirt und Entertainer Manni Müller im eigenen Etablissement gut gelaunt dem kommenden Wochenende entgegen sehen ließ. Die vor wenigen Minuten noch von unzähligen Paaren schwer geprüfte Tanzfläche aus Messingplatten ächzte schon beim Hinsehen, das Personal seufzte wohlig in Feierabend-Stimmung, die letzten Gäste gaben sich die Neige.

Etwa 3 Jahre nach Wiedereröffnung des 50er Tanzschuppens "Sanssouci" in der Grazer Straße durch Weltenbummler Manni Müller, sitzen die Besatzung der „MM-Combo“ und Session-Gast Uli John nach gelungenem Abend beim Schlenderschluck am Tresen.

Mittendrin Studioeigner Fulvio Ziglioli, selbst Sänger, Gitarrist und Komponist, und seine große Liebe Karin. Und wie immer wird über vergangene Tage geredet, lebendige Live Musik Atmosphäre bei „Seebeck am Markt“, und wie traurig es im Grunde sei, dass die handgemachte Musik auf dem Markt kaum eine Chance gegen digital produzierte Veröffentlichungen habe. Man müsste eine Scheibe machen, träumt Fulvio, mit all den Musikern von früher, die sich hier hin und wieder wieder ein Stelldichein geben. Man müsste eine Scheibe machen, ergänzt Haustrommler George B., mit all den Gewinnern der damaligen Sängerwettstreite bei „Seebeck am Markt“. Und der Faden wird weiter gesponnen, die Aufgaben verteilt. Wer übernimmt die Organisation und Planung, wer spielt im Studio die Playbacks ein, wie soll es weitergehen, vor allem aber, wer finanziert dieses Projekt.

Die Besetzung

 

Da die meisten Musiker aus den „Hein Wuppdi“ - Zeiten nicht mehr verfügbar sind, sollen die mit einem echten, zumindest aber gefühlten Rock n Roll Herzen alle Lieder einspielen, und jene, die auch damals durch den meisten Applaus, also Publikumsentscheid, zu den Siegertiteln gekürt wurden, sollen singen. Das Lineup: Carsten Heusmann (Nematoden) an den Tasten, Nibbl Niemeyer am Bass, George Meier für die Gitarren, ergänzt zum „Granada“- Solo durch Stefan Franz, Helmut Huber mit der Mundharmonika, Stefan Helder am Saxophon, Fulivio und Uli mit füllenden Akustik Gitarren, George B. trommelt.

Irgendwann ist es dann so weit. Das Gerüst steht, die Sänger werden rekrutiert: Erhard Sanft fliegt von irgendwo aus dem Süden der Republik extra für die Aufnahmen ein, interpretiert mit Manni „Dream, dream, dream“ von den Everly Brothers. Uli John, Emil Harder, Werner „Mücke“ Grasmück (-Stanger), Werner „Woody“ Derichs, George Meier und George B. singen begeistert aufs Band, erst im Tonstudio am „Alten Hafen“, später in Fulvios Wohnung. Selbst Stephan Remmler ist mit „Don´t Ha Ha“ dabei.

Die Finanzierung

 

Um die gemeinsame Arbeit so authentisch wie möglich zu halten, leiht der Moderator der freitäglichen Wettbewerbe Harry Nestler seine Stimme für die Original Ansage aus.

Die Produktion soll durch Sponsoren finanziert werden, und da in Bremerhaven selbst nicht genügend gefunden werden, klopft George B. bei Fritz Stagge, Club Besitzer und Oldies Fan, in Osterholz-Scharmbeck an, findet bei dem Ex-„Just Us“- Tastenmann Günter Abels, der zu dem Zeitpunkt in Taipei, Taiwan lebt, ein offenes Ohr, und Mike Arendt sammelt die notwendigen Restgelder von Sponsoren aus der Seestadt. Darüber hinaus helfen aber auch diverse, von dieser Idee begeisterte Köpfe, wie Detlef Müller (Weser Druckerei), George Kipka (Gastronom), Karl-Heinz Kehl, Erich Wilke (Schifffahrtsmuseum), Sigi Erkert (Gastronom), „Long“ Weiß, nicht zuletzt der gerade verstorbene Rechtsanwalt Bernd Suhr mit, diese Scheibe zu realisieren.

Und es dauert fast ein ganzes Jahr, bis das fertige Produkt endlich an den Konsumenten gelangt.

Da die Musiker nicht in bar ausgezahlt werden können, die gesponsorten Gelder gerade für die Pressung und das aufwendig gestaltete Cover reichen, werden sie in Vinyl entschädigt und verkaufen von privat.

Und die 1.000er Auflage findet schnell ihre Abnehmer.

Harry Nestler´s Text zum Album (ergänzt)

 

„Seebeck am Markt“ das sind Erinnerungen. Wenn man erst einmal in ´unserem´ Alter ist, dann tauchen sie schon einmal auf, die Gedanken an „Damals“. Dann fragt man sich schon einmal, wie war das noch, wie war sie denn unsere Jugendzeit? Unsere Kinder sind bereits erwachsen und wir haben wieder ein wenig mehr Zeit für uns selbst.

Unsere Träume kehren zurück. „Seebeck am Markt“, das ist für uns nicht einfach nur ein Name, das ist die Zeit des Aufbruchs, das ist die Zeit, in der wir, über die Musik, die Freiheit entdecken. „Seebeck am Markt“, das ist für Bremerhaven ein Inbegriff für die so gerne zitierten späten „50“er.

Elvis, Buddy Holly oder Fats Domino sind Sänger, die unsere Herzen im Sturm erobern.

„Seebeck am Markt“ ist schnell die Hochburg des Rock n´ Roll. Der Laden erzittert wenn Wanda Jackson ihr „Let´s have a party“ donnert, und kein Mensch der Welt kann uns verbieten dabei zu sein.

Elvistolle, Entenschnitt, Pferdeschwanz und erste Jeans, wir finden schnell zurecht in unserer eigenen Welt.

Und über Nacht ist sie da, die Live Musik. Ohne große Technik, die gibt es noch nicht, pur und von Hand gemacht, schafft sie schnell den Durchbruch. Zumindest am Wochenende hat die Musikbox Pause.

Die ersten Sängerwettstreite halten mit großem Erfolg Einzug bei „Seebeck am Markt“.

Aber nicht nur der harte Rock n´ Roll allein regiert, auch die leisen Töne kommen nicht zu kurz. Wenn Manni Müller, der spätere Weltenbummler (Guinness Buch der Rekorde), das Mikrofon ergreift und sein Granada singt, dann verstummen die Stimmen, dann kann man die berühmte Nadel fallen hören. Dann finden Hände zueinander, die schnell merken, dass sie zusammen gehören, dann kehrt Ruhe ein.

Wir sind glücklich, ganz umsonst.

Und dann das Jahr 1962. Ein Jahr des Rückgangs, auch in der Musik. Der Rock n´ Roll

gerät in´s Abseits, die Jugend erwartet etwas „Neues“, und bei „Seebeck am Markt“ gibt es keine Veranstaltungen mehr. Schlimmer noch, der große Saal wird geschlossen und die wenigen Getreuen verlieren sich im kleinen Saal in der oberen Etage.

Aber dann geht es wieder los, und zwar mit aller Macht. Der Beat hält Einzug, auch in Bremerhaven.

Uli John und seine „Black Stars“ erobern wieder die Bühne und das Publikum. Live Musik ist wieder ein Muss. Der Star-Club Hamburg schickt seine Bands, und fortan geben sich die Phantom Brothers, Gene Vincent & the Blue Caps, The Vampires, oder Cisco and the Dynamites (heute TRUCKSTOP) und ungezählte andere Gruppen auf der Bühne bei „Seebeck am Markt“ ein Stelldichein.

Auch unsere lokalen Gruppen, unsere Musiker, müssen sich nicht verstecken. Schnell werden die Rhythm Brothers um Bernd Zamulo (heute LORDS) oder die Soulbeats mit George B. Miller weit über die Grenzen Bremerhavens bekannt. Selbst George Meier, später einer der führenden Gitarristen in Bremerhaven (RATTLES, WOLFSMOND, MEIER/MILLER/KAISER, HAGEN ALLSTARS, wie George B. Miller auch), holt sich hier als kleiner Knirps seine ersten musikalischen Anregungen.

Nicht mehr der Rock n´ Roll dominiert, der Beat und der Slop haben ihren Siegeszug angetreten, und...es boomt wieder. Der Sängerwettstreit kehrt zurück.

Die Sänger sind neu, die heimlichen Sternchen der Stadt heißen jetzt Werner „Mücke“ Grasmück oder Stimmentalent Emil Harder. Auch ein späterer Star im deutschen Schlager-

geschäft räumt jetzt unerbittlich die Preise ab: Stephan Remmler, unter anderem gewinnt er hier seinen ersten Gebrauchtwagen. Wie sollte es anders sein, der Zeit entsprechend natürlich einen „Leukoplastbomber“. Auch ein Stück Zeitgeschichte.

Und dann, quasi über Nacht, ist alles vorbei. „Seebeck am Markt“ schließt für immer seine Türen. Ein Stück Jugendkultur, ein Stück Jugendgeschichte dieser Stadt hat aufgehört zu existieren.

Wo einst ein großer Teil der Bremerhavener Jugend die Freizeit verbrachte, da steht heute

ein großes Wohnhaus. Der Zahn der Zeit.

Aber uns bleiben ja die Erinnerungen an eine schöne Zeit, die wir alle nicht missen möchten.

Es war schön, dabei gewesen zu sein.

Die Aufführung

 

Fast ein halbes Jahr später wird das Werk mit allen Teilnehmern in Hermann Giesches „Ballhaus“ vor über 800 begeisterten Hörlustigen live aufgeführt, wenige Wochen später noch einmal im Speckenbütteler Parkhaus mit „George B. and the Bees“ und den „Black Beats“.

Dann kehrt wieder Ruhe ein. Die anfängliche Euphorie bei Verkäufern und Käufern hat sich erst einmal gelegt, „Rundschnitt, Petticoats und Rock n´ Roll“ wird nur noch vereinzelt unterm Ladentisch gehandelt. Die Zeiten haben sich geändert. Kaum jemand hat noch einen Plattenspieler, alles dreht sich auf digitalen Geräten.

Volles Haus im Columbusbahnhof

Der Sängerwettstreit

 

Da jährt sich im Oktober 1998 zum 40. Mal der Tag, an dem Elvis Presley nach Bremerhaven kam, und die Seestadt will dieses Ereignis gebührend feiern. Elvis Imitatoren, Rock n Roll Formationen und Oldie Bands lassen die Zeiten von früher in einem bunt gemischten 4-Tages-Programm wieder aufleben. Nur für den letzten Tag, den Sonntag, findet sich keine passende Idee.

Stojan Mihaljica, Columbus Bahnhof Gastronom, erinnert sich an die „Rundschnitt, Petticoats und Rock n´ Roll“- Aufführung, fragt an, bekommt ein „Ja“, und der Sonntag ist gerettet.

George B. Miller kann die meisten Interpreten zusammentrommeln, stellt die „Seebeck am Markt Allstars“ auf die Beine, Emil Harder´s „Memory“ mit Allrounder Charly Seifert holen die Tanzfreudigen auf die Fläche, und der Frühschoppen wird am 04.10. mit über 2.000 Gästen ein wunderschöner Abschluss des Elvis-Festivals.

"Splish Splash"-Das Original

Veranstalter Mihaljica (November 2007 verstorben) möchte diese Party nun jedes Jahr wiederholen. Organisator George B. geht einen Schritt weiter, denkt an einen richtigen Sängerwettstreit, bei dem nur Titel aus den 50er und 60er Jahren angeboten werden dürfen.

Das Teilnehmerfeld setzt sich zusammen aus Sängern der LP, aber auch aus neuen Gesichtern, angeworben durch die lokale Presse, und Günter Kocken führt als Moderator geschickt und kurzweilig durch das abwechslungsreiche Programm.

Das „Sonntagsjournal“ präsentiert die Veranstaltung, und es kommen weit über 1.000 Neugierige, ein „sehen und gesehen werden“, Treffen alter, längst aus den Augen verlorener Freunde, die bis in die späten Nachmittagsstunden feiern, nachdem sie und eine 5köpfige Jury Martin Klinge zum Sieger gewählt haben.

Ein gutes Team: GB Miller und Moderator Günter Kocken

Inzwischen hat sich diese Veranstaltung etabliert, ist ein Selbstgänger, fast ein Kult-Event geworden. Erfreulich zu beobachten, dass sich junge Leute bewerben, die zu der damaligen Zeit noch als Marmeladenglas im Konfitüren-Laden standen, wie auch weit angereiste Gäste (nein, nein, nicht aus Spaden, Nestler´s O-Ton) aus Braunschweig, Hamburg, Berlin und anderen Städten unserer Republik, die entweder gerade Urlaub zu dem Zeitpunkt in der Seestadt machen, durch Bekannte auf den Wettstreit aufmerksam gemacht wurden, oder sich aber auf den Weg machen weil sie einfach nur dabei sein möchten.

Am Freitag, 03. Oktober 2008, diesmal mittendrin im 50jährigen Elvis Jubiläum, das, u. a. mit „Rio“ (The Voice of Elvis), „Splish Splash“ (Begleitband beim Sängerwettstreit) und „Larry and the Handjive“ (Bremen) unter dem Motto „Die Legende lebt“ gefeiert werden soll, findet der Sängerwettstreit zum 11. Mal statt. Da sich nach dem Tod Mihaljica ´s bisher kein Betreiber für den Columbus Bahnhof gefunden hat, wird erstmalig in der Bremerhavener Stadthalle gefrühschoppt.

Die Tore öffnen sich wie immer um 10 Uhr.


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